Keiner will den Winter...
Keiner will den Winter
Von wegen Licht und Liebe. Warum wirkliche innere Arbeit und gelebte Spiritualität nicht „nur“ schön ist
Wer glaubt, spirituelle Entwicklung und tiefe innere Arbeit seien so etwas wie ein schöner Spaziergang, an dessen Ende du erleuchtet bist und dir die Sonne aus dem Allerwertesten scheint, der liegt meiner Erfahrung nach ziemlich daneben.
Da ist dieses seltsame Bild von bewusster Spiritualität. Du legst deine süße Seuselstimme auf, packst alles in Liebe und Licht, sprichst von Heilung, Vertrauen, Loslassen und Vergeben und tust so, als wäre das Leben plötzlich nur noch schön, sobald du dich auf einen spirituellen Weg begeben hast.
Und wenn dann doch mal etwas ist, dann sind es natürlich die anderen. Die sind eben noch nicht so weit. Die verstehen die Dinge noch nicht. Die blicken es noch nicht. Du selbst bist natürlich schon ein ganzes Stück weiter. Haha.
So ist es aber nicht. Da gibt's kein „weiter“ oder „besser“.
Wirkliche innere Arbeit kann verdammt unbequem sein. Sie ist nicht immer schön. Sie ist nicht immer ästhetisch. Sie sieht oft nicht nach Kerzenschein, Räucherstäbchen, Meditationskissen und einem lächelnden Gesicht aus.
Manchmal sitzt du einfach vor einem riesigen Haufen Bullshit.
Du weinst. Du bist wütend. Du bist verzweifelt. Du nutzt Schimpfworte. Du schreist. Du benimmst dich so gar nicht erwachsen. Du hast überhaupt keinen Bock mehr. Nicht darauf, dich schön zu machen. Nicht darauf, besonders bewusst zu sein. Und schon gar nicht darauf, irgendeine höhere Perspektive einzunehmen.
Du fühlst. Und manchmal fühlt sich Fühlen einfach scheiße an.
Denn wenn du wirklich anfängst, nach innen zu schauen, begegnest du dort nicht nur deiner Liebe, deiner Kraft und deinem Licht. Du begegnest auch und vor allem das, was schon sehr lange darauf wartet, endlich gefühlt zu werden. Der Trauer, der Wut, der Angst, der Enttäuschung, alten Erinnerungen und Verletzungen.
Es ist wie ein vollkommen zerzaustes Wollknäuel aus Gedanken, Gefühlen, Emotionen und Geschichten, bei dem du keine Ahnung davon hast, wo dieser verflixte Anfangsfaden ist.
Und genau dann passiert etwas ziemlich Abstruses. Du bist vielleicht schon jahrelang auf deinem Weg, hast schon viel gelernt, Bücher gelesen, Seminare besucht, meditiert, dich mit dir selbst beschäftigt. Du besitzt einen ganzen, vollen Werkzeugkoffer an Methoden und Möglichkeiten.
Und wenn es dir dann richtig mies geht, liegt dieser verdammte Werkzeugkoffer irgendwo ganz hinten in deinem Denkapparat. Du weißt zwar, dass du all diese Dinge irgendwann gelernt hast, aber in diesem Moment kommst du einfach nicht dran.
Ich kenne diese Momente sehr gut. Ich habe dann schon so oft gedacht: "Mein Gott, das kann doch nicht sein. Ich habe jetzt schon so viel gelernt, so viel Wissen, so viel Können und wenn es mir selbst richtig mies geht, bin ich der hilfloseste Mensch. Und vor allen Dingen, was soll ich jetzt tun?"
Und nicht immer kannst du sofort auf andere Menschen zurückgreifen. Nicht immer hast du die finanziellen Mittel, um dir Unterstützung zu holen und dafür zu bezahlen. Nicht immer gibt es in deinem Umfeld Menschen, die verstehen, was gerade mit dir passiert. Und nicht immer ist sofort eine Freundin oder ein guter Freund da, der dir zur Seite steht.
Und dann sitzt du da. Mit dir alleine.
Das ist die Realität. Auch wenn es für dich anders schöner wäre. Es gibt diese Zeiten, in denen du mit dem, was gerade in dir ist, allein bist.
Ich selbst hatte solche Zeiten. Sie kommen auch immer wieder. Sie sind wie Ebbe und Flut. Es gab vor vielen Jahren eine längere Zeit, in der es mir wirklich nicht gut ging. Gleichzeitig waren meine finanziellen Möglichkeiten nicht so, dass ich mir ständig Unterstützung von außen holen konnte. Ich musste also einen Weg finden, wie ich mit mir und mit dem, was da war, sein konnte. Gerade dann, wenn niemand da war, der mir helfen, mich begleiten oder mir sagen konnte, was ich jetzt tun soll.
An einem Tag, an dem es mir so richtig dreckig ging und ich keine Idee mehr hatte, was ich jetzt tun könnte, sind mir zwei Worte begegnet. Nur zwei. So simpel, dass mein Verstand wahrscheinlich hätte genügend Gründe finden können, warum das überhaupt nicht funktionieren kann. Und genau darin lag und liegt für mich ihre Kraft.
Die beiden Worte, die ich meine, lauten:
JA und JETZT
Und ich weiß, jetzt denkst du: Was soll denn der Käse? Das mit dem Jetzt hab ich schon mal gehört. Klappt nicht. Diese zwei kleinen Worte sollen irgendwas bewirken?
Und ich sag dir: Ja. Lies mal weiter.
JA
Weil es nichts bringt, weil es nicht förderlich, nicht dienlich, nicht sinnvoll und nicht zielführend ist, gegen das anzukämpfen, es zu ignorieren oder auszublenden, was gerade da ist.
Das alles ist eine Art von Kampf. Eine Art, dich gegen das zu wehren, was gerade da ist. Du kannst versuchen, es loszuwerden oder du kannst so tun, als wäre es gar nicht da. Du kannst es wegschieben, ignorieren, ausblenden, aber dadurch ist es nicht weg. Es ist ein stiller Kampf.
Und seien wir doch mal ehrlich. Natürlich hast du keinen Bock darauf, dich beschissen zu fühlen. Du willst lieber Friede, Freude, Leichtigkeit, Liebe, Licht und eine gute Zeit.
Du willst den Sommer, aber den Winter willst du nicht. Dabei gehört der Winter dazu. Die Kälte, die Dunkelheit, das Kahle, das Stille, die scheinbare Bewegungslosigkeit. Doch ohne Winter kein Sommer.
Und genauso ist es doch mit uns auch. Es gibt diese dunklen Phasen in unserem Leben. Zeiten, die dich nach unten ziehen. Zeiten, in denen du nicht strahlst und Zeiten, in denen es dir schlecht geht. Menschen, die dich verletzen. Menschen, die du verlierst. Situationen, die dich belasten.
Und natürlich willst du all das nicht. Du willst, dass es aufhört. Du willst, dass es anders ist. Du willst dich (wieder) gut fühlen.
Doch wenn du verneinst, was gerade ist, wenn du dich dagegen wehrst und es nicht haben willst, gibst du dem immer mehr Energie. Es wird stärker. Es bleibt länger. Es wird zu einem Kampf gegen das, was in diesem Moment nun mal da ist. Und wenn du dich weiter dagegen wehrst, wird dieser Kampf irgendwann zum Dauerzustand. Er hört nicht auf, solange du weiter dagegen ankämpfst. Gerade dann nicht.
Eine liebevolle Kapitulation
Wenn du diesen Kampf beenden möchtest, darfst du akzeptieren, dass er gerade da ist. Du darfst akzeptieren, was gerade in dir los ist, was du fühlst, wie du denkst und wer du in diesem Moment bist.
Es ist wie eine liebevolle Kapitulation. Du hörst auf, gegen dich und gegen das, was gerade da ist, zu kämpfen.
Und wenn du Liebe willst, dann darfst du auch dem mit Liebe begegnen. Genau dafür steht für mich dieses JA. Es ist ein Ausdruck von Liebe. Du akzeptierst, respektierst und erkennst an, was gerade da ist. Das bedeutet nicht, dass du es gut finden musst oder möchtest, dass es so bleibt. Es bedeutet, dass du aufhörst, es zu verleugnen, auszublenden oder dagegen anzukämpfen. Dafür steht das JA.
Wenn du traurig bist, sagst du Ja. Wenn du wütend bist, sagst du Ja. Wenn du verzweifelt bist, sagst du Ja. Wenn du nicht weiterweißt, sagst du Ja. Wenn dein Körper sich gerade so anfühlt, wie er sich anfühlt, sagst du Ja. Wenn eine Erinnerung da ist, sagst du Ja.
Und dieses Ja sagst du nicht einmal und erwartest dann, dass sich alles verändert. Du sagst es immer wieder: Ja – Ja – Ja – Ja ...
So lange, bis es nicht mehr nur ein Wort ist, das aus deinem Kopf kommt. So lange, bis du dieses Ja wirklich fühlen kannst. Bis es nicht mehr darum geht, etwas wegzubekommen, etwas zu verändern oder irgendwo anders hinzukommen, sondern nur noch darum, anzunehmen und zu akzeptieren, was gerade da ist. So lange, bis du es fühlst. Ja zu dem, was ist.
Und aus diesem wirklichen, echten Ja heraus kann der Kampf Stück für Stück von ganz alleine aufhören. Nicht, weil du das mit deinem Ja erreichen wolltest, sondern weil du nicht mehr versuchst, etwas anderes aus diesem Moment zu machen, als er gerade ist.
Und dann kommt das zweite Wort.
JETZT
Das Jetzt holt dich zurück.
Denn wenn du mitten in diesem zerzausten Wollknäuel sitzt, bist du meistens überall, nur nicht hier. Du bist in der Vergangenheit. Bei dem, was passiert ist, bei dem, was jemand gesagt hat, bei dem, was du getan oder nicht getan hast, bei dem, was wehgetan hat.
Und gleichzeitig bist du schon in der Zukunft. Denn du nimmst das, was in der Vergangenheit war, mit ins Jetzt und transportierst es von dort weiter in deine Zukunft. Du machst dir Gedanken darüber, was jetzt daraus werden könnte. Wie soll es weitergehen? Was könnte passieren? Was muss ich verändern? Was muss ich tun?
Die Vergangenheit beeinflusst in diesem Moment also bereits deine Vorstellung von der Zukunft. Und dazwischen liegt das Einzige, was tatsächlich gerade da ist. Das Jetzt.
Dieses eine Wort holt dich zurück. Nicht morgen. Nicht gestern. Jetzt.
Und dieses Jetzt ist unglaublich klein. Denn sobald du „Jetzt“ gesagt hast, ist genau dieses Jetzt schon wieder Vergangenheit. Und das nächste Jetzt kennst du noch nicht. Es bleibt dir immer nur dieser eine winzige gegenwärtige Moment. Und dieses Jetzt ist dieser Moment. Und in diesem Moment ist gerade alles okay.
Jetzt passiert nichts. Jetzt musst du nirgendwo hin. Jetzt gibt es keine Vergangenheit und noch keine Zukunft. Es gibt nur diesen einen ruhigen, friedlichen und stillen Moment. Und diese Momente reihen sich aneinander wie die Perlen auf einer Kette. Einer nach dem anderen. Jeder einzelne ist nur für einen winzigen Augenblick da, für eine Millisekunde, und schon kommt der nächste. Jetzt, jetzt, jetzt. Du bist hier, du atmest, du bist da, du bist jetzt.
JA und JETZT
Das eine Wort umarmt dich mit allem, was gerade da ist und das andere bringt dich in den gegenwärtigen Moment zurück.
Ja – Jetzt – Ja – Jetzt – Ja – Jetzt ...
Für mich ist das genau wie ein Verdauungsprozess. Als hätte das Leben dir etwas Bitteres gegeben, das du schlucken musstest und dein System muss es nun erst einmal verdauen.
Du kannst diesen Prozess nicht dadurch beschleunigen, indem du so tust, als hätte es süß geschmeckt. Du kannst ihn auch nicht überspringen. Und du kannst das Bittere nicht einfach wieder ausspucken, denn du hast es längst heruntergeschluckt. Es ist schon in deinem System angekommen. Du kannst nur verdauen. Stück für Stück.
Und wenn du dieses „Ja und Jetzt“ eine Zeit lang wie ein Mantra gesprochen hast, merkst du, dass du ruhiger wirst. Dein Nervensystem beruhigt sich. Dein Atem wird ruhiger, deine Gedanken entspannen sich, dein Körper entspannt sich und auch deine Emotionen kommen zur Ruhe. Es entsteht wieder Raum. Erst einmal ist da Stille und Ruhe. Du gehst aus dem Kampf und du fühlst.
Und mit diesem Raum kommt etwas zurück, das vorher nicht möglich war: Weite. Du wirst wieder fähig wahrzunehmen. Du erkennst wieder Möglichkeiten, für die du vorher blind warst. Ideen kommen zurück, Impulse tauchen auf. Du wirst wieder offen für das, was vorher hinter all der Wut, der Angst, der Trauer und den kreisenden Gedanken für dich nicht wahrnehmbar war.
Und genau wie ein Muskel darf auch das geübt und trainiert werden. Je öfter du dieses „Ja und Jetzt“ in solchen Momenten benutzt, desto vertrauter wird es dir.
Denn bewusste Spiritualität besteht für mich absolut nicht nur darin, im Licht zu stehen. Sie besteht vor allem darin, mit der Dunkelheit zu sein. Nichts schönzureden. Nicht den Schmerz zu ignorieren. Nicht jede schlechte Erfahrung sofort in ein Geschenk des Universums zu verwandeln. Sondern damit zu sitzen und zu sagen:
"Ja, das gerade ist mein Winter und ich bin jetzt."
Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass du diese beiden kleinen Worte für dich mitnimmst. Dass du dich an sie in einer dieser Phasen erinnerst, in denen dein Werkzeugkoffer verschwunden ist. Du brauchst keinen Anfangsfaden. Was du brauchst, ist Ja und Jetzt.
Und wenn du magst, erzähl mir davon. Schreib mir gerne in die Kommentare, wie du es siehst und ob du diese Phasen auch kennst. Und ich würde mich freuen, wenn du mir nach einer solchen dunklen Phase, in der du das Mantra vielleicht genutzt hast, erzählst, welche Erfahrungen du damit gemacht hast.
Mit Liebe
deine Iris ❤️

Für mich hat dieser Blog eine Türe geöffnet. Das "Annehmen was ist" und im "Jetzt sein" hört man ja vielerorts, dennoch hatte ich so meine Probleme damit. Und selbst die bekanntesten Autoren konnten mir den Inhalt nicht so nahe bringen, wie diese Worte es taten, alltagsnah und verständlich. In einer Art und Offenheit, die hilft zu verstehen und sich selbst nicht zu verurteilen. Dieser Text macht Mut für Veränderungen. Vielen Dank dafür!!