
Herbst Tagundnachtgleiche
Von Mabon, Erntedank und der Fülle unseres Lebens
Wenn der Sommer langsam leiser wird, die Tage spürbar kürzer werden und am Morgen die ersten kühlen Stunden zu ahnen sind, erreichen wir einen besonderen Punkt im Jahreslauf: die Herbst Tagundnachtgleiche.
Für einen kurzen Moment befinden sich Tag und Nacht annähernd im Gleichgewicht. Danach kippt dieses Verhältnis. Auf der Nordhalbkugel werden die Nächte länger als die Tage und wir bewegen uns immer weiter hinein in die dunklere Hälfte des Jahres. Es ist ein Wendepunkt in der Natur und vielleicht auch eine Einladung an uns, für einen Moment stehen zu bleiben.
Viele Menschen, die sich mit dem Jahreskreis beschäftigen, kennen diesen Zeitpunkt unter einem anderen Namen: Mabon. Auch ich bin diesem Namen immer wieder begegnet. In Jahreskreisen, auf spirituellen Seiten und in Büchern wird Mabon häufig als altes keltisches Fest beschrieben. Doch wenn man ein wenig tiefer gräbt, wird die Geschichte plötzlich sehr viel interessanter.
Mabon hieß ursprünglich gar nicht Mabon
Beginnen wir mit etwas, das viele überraschen dürfte. Ein historisch überliefertes keltisches Fest zur Herbst Tagundnachtgleiche mit dem Namen Mabon ist nicht bekannt.
Mabon selbst ist allerdings keineswegs erfunden. Mabon ap Modron ist eine Gestalt aus der walisischen Mythologie. Sein Name wird sinngemäß mit dem „Sohn der Mutter“ in Verbindung gebracht. Seine Geschichte ist alt. Nur hatte dieser Mabon ursprünglich nichts mit dem Namen eines Festes zur Herbst Tagundnachtgleiche zu tun.
Diese Verbindung entstand erst im 20. Jahrhundert. Der amerikanische Neopagane Aidan Kelly arbeitete in den 1970er Jahren an einem Kalender für den modernen heidnischen Jahreskreis. Für einige der Sonnenfeste fehlten ihm Namen. Im Jahr 1974 entschied er sich, die Herbst Tagundnachtgleiche „Mabon“ zu nennen. Der Name verbreitete sich anschließend innerhalb neopaganer und Wicca Traditionen immer weiter.
Heute begegnet er uns so häufig, dass leicht der Eindruck entsteht, bereits die Kelten hätten vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden im September „Mabon“ gefeiert. Dafür gibt es jedoch keine historischen Belege.
Und ich finde, dass diese Erkenntnis dem Tag überhaupt nichts von seiner Bedeutung nimmt. Im Gegenteil. Vielleicht müssen wir ihm gar keinen vermeintlich uralten Namen geben. Vielleicht reicht es wenn wir hinschauen, was zu dieser Zeit in der Natur geschieht.
Es ist die Zeit der großen Ernte.
Für unsere Vorfahren war der Jahreslauf keine hübsche spirituelle Ergänzung zum Alltag. Er bestimmte ihr hartes Leben.
Es machte einen gewaltigen Unterschied, ob eine Ernte gut oder schlecht ausfiel. Was im Frühjahr gesät worden war, musste irgendwann eingebracht werden. Getreide, Früchte und andere Lebensmittel mussten verarbeitet und haltbar gemacht werden. Vorräte wurden angelegt, denn der Winter würde kommen und mit ihm eine Zeit, in der die Natur sehr viel weniger Nahrung zur Verfügung stellte.
Die Ernte bedeutete deshalb weit mehr als einen gefüllten Korb mit Äpfeln oder Getreide. Sie bedeutete Versorgung, Sicherheit und Überleben. Nach Monaten schwerer Arbeit wurde sichtbar, was die Erde hervorgebracht hatte. Und natürlich wurde dafür auch gedankt.
Erntedank ist viel älter als das Christentum
Der Dank für eine eingebrachte Ernte begann nicht mit dem Christentum. Schon lange zuvor feierten Menschen Erntefeste und vollzogen Rituale rund um Saat, Wachstum und Ernte.
Wir finden solche Traditionen in unterschiedlichen Kulturen. Auch im Judentum gab es bereits eigene Erntefeste. Ebenso kennen wir aus der griechischen und römischen Antike Feste, die mit Landwirtschaft, Früchten und Ernte verbunden waren.
Dahinter steckt etwas sehr Einfaches, Logisches und zutiefst Menschliches. Wer unmittelbar davon abhängig ist, was die Erde hervorbringt, weiß, dass eine gute Ernte nicht selbstverständlich ist. Man kann den Boden vorbereiten, säen und pflegen, aber man kann nicht alles kontrollieren. Regen, Trockenheit, Kälte, Hitze, Schädlinge und viele andere Faktoren entschieden mit darüber, ob am Ende genug vorhanden war. Eine gute Ernte gab also allen Grund, innezuhalten und dankbar zu sein.
Und dann kam das Christentum...
Mit der Ausbreitung des Christentums verschwanden bestehende Erntebräuche nicht einfach. Sie wurden zunehmend christlich geprägt. Der Dank für die Ernte bekam einen christlichen religiösen Rahmen und richtete sich nun an den christlichen Gott.
In der westlichen Kirche sind Erntedankfeiern seit dem 3. Jahrhundert nach Christus belegt. Einen überall gültigen Termin gab es lange nicht. Das wäre auch wenig sinnvoll gewesen, denn eine Ernte richtet sich nicht nach einem Kirchenkalender. Je nach Region, Klima und angebauten Pflanzen wurde zu unterschiedlichen Zeiten geerntet.
In Deutschland liegt beispielsweise Michaelis am 29. September unmittelbar in dieser Jahreszeit. Erntedank wurde zu unterschiedlichen Terminen begangen, unter anderem rund um Michaelis. Heute wird das Erntedankfest in Deutschland meist am ersten Sonntag im Oktober gefeiert.
Damit wird auch etwas deutlich, was mir wichtig ist. Es ist historisch nicht richtig, eine einfache Linie zu zeichnen und zu sagen: "die Menschen feierten das heidnische Fest Mabon und die Christen machten daraus Erntedank." Denn ein altes Erntefest mit dem Namen Mabon ist historisch nicht belegt.
Das Verbindende liegt viel tiefer. Es ist die Erntezeit selbst. Das Säen und Wachsenlassen, das Pflegen und Ernten, das Danken und Teilen, das Anlegen von Vorräten und schließlich die Vorbereitung darauf, dass eine andere Zeit beginnt.
Und es ist kein Fest für nur einen Tag
Dies finde ich besonders schön. Wir sind es gewohnt, Feste auf ein Datum zu legen. Weihnachten hat seinen Termin, Ostern hat seinen Termin und auch die Tagundnachtgleiche lässt sich astronomisch auf einen bestimmten Zeitpunkt festlegen.
Die Ernte dagegen ist kein Augenblick. Ernte ist eine Zeit.
Und vielleicht dürfen auch wir daraus wieder eine Zeit machen. Nicht unbedingt mit einem vorgeschriebenen Ritual oder einer Liste, die wir abarbeiten müssen, sondern indem wir für einige Tage bewusster hinschauen.
Die Fülle, die längst da ist
Wir leben heute vollkommen anders als die Menschen, die unmittelbar von ihrer eigenen Ernte abhängig waren. Viele von uns gehen in einen Supermarkt und finden dort nahezu jederzeit Lebensmittel aus der ganzen Welt. Wir drehen einen Wasserhahn auf und sauberes Wasser fließt heraus, wir haben Licht und Wärme, ein Dach über dem Kopf, ein Bett, Kleidung und Nahrung.
Vieles davon ist für uns so alltäglich geworden, dass wir kaum noch darüber nachdenken. Und dabei ist nichts davon selbstverständlich.
Vielleicht ist die Zeit der Ernte deshalb eine wunderbare Gelegenheit, den Blick einmal nicht auf das zu richten, was noch fehlt. Nicht auf das nächste Ziel, den nächsten Wunsch oder auf das, was noch größer, schöner oder besser werden soll. Sondern auf eine ganz andere Frage:
Was ist bereits da?
Wir können dabei eine unglaubliche Fülle entdecken. Und sie besteht nicht nur aus Dingen. Sie zeigt sich auch in den Menschen, die uns begleiten, in Freundschaft und Liebe, in Begegnungen, die etwas in uns verändert haben, in einem Menschen, den wir anrufen können, oder einem Tier, das morgens neben uns aufwacht. Sie steckt in einem Baum vor unserem Fenster, in einem Wald, durch den wir gehen können, im Geruch von Regen, in einem Sonnenaufgang, in Musik, einem guten Gespräch, einem Lachen und in unserem Körper, der uns durch dieses Leben trägt.
Dankbarkeit ist nichts, das wir herstellen müssen. Sie entsteht, wenn wir wirklich sehen, was längst da ist und uns der Vergänglichkeit bewusst werden.
Unsere innere Ernte
Und dann gibt es noch eine andere Ernte. Eine, für die wir keine Felder brauchen.
Denn auch wir säen das ganze Jahr über. Wir säen mit unseren Entscheidungen, unserer Zeit, unserer Aufmerksamkeit und unserer Liebe. Wir beginnen Beziehungen, Projekte und Wege. Wir lernen, verändern etwas, wagen etwas und investieren Kraft in Menschen und Dinge, die uns wichtig sind.
Manches davon wächst und trägt Früchte. Manches nicht. Auch das gehört zur Ernte.
Wir dürfen deshalb in dieser Zeit einmal auf unser eigenes inneres Feld schauen. Was habe ich in diesem Jahr gesät? Was ist daraus entstanden? Was ist gewachsen? Was durfte ich ernten? Was hat Früchte getragen, mit denen ich vielleicht überhaupt nicht gerechnet hatte? Und was ist trotz meiner Aufmerksamkeit und Mühe nicht aufgegangen?
Auch darin liegt eine Wahrheit der Natur. Nicht jede Saat geht auf. Vielleicht müssen wir deshalb auch nicht aus allem einen Erfolg machen. Manches darf einfach die Erfahrung gewesen sein, die es war.
Welche Vorräte nehme ich mit?
Früher mussten Menschen nach der Ernte wissen, wovon sie in den kommenden Monaten leben würden. Sie legten Vorräte an. Auch dieses Bild lässt sich wunderbar auf unser heutiges Leben übertragen.
Denn mit dem Herbst beginnt eine Zeit, in der sich die Natur immer weiter zurückzieht. Auch wir dürfen fragen: Wovon kann ich in meiner eigenen dunkleren Zeit zehren? Welche Menschen tun mir gut? Welche Erfahrungen haben mich gestärkt? Was trägt mich, wenn es schwierig wird? Was gibt mir Wärme? Was bringt mich zurück zu mir? Und was habe ich in diesem Jahr gelernt, das ich mitnehmen möchte?
Das sind unsere heutigen Vorräte. Nicht eingelagert in einer Scheune, sondern in uns.
Und was davon kann ich teilen?
Zur Fülle gehört für mich auch noch etwas anderes. Wenn ich erkenne, dass ich genug habe, verändert sich möglicherweise die Frage. Dann heißt es nicht mehr nur: "was brauche ich?", sondern vielleicht auch: "was habe ich so reichlich, dass ich etwas davon weitergeben kann?"
Das muss nichts Materielles sein. Es kann Zeit sein, Wissen, Aufmerksamkeit oder einfach die Bereitschaft, jemandem zuzuhören. Vielleicht können wir jemanden unterstützen, etwas weitergeben, das wir selbst nicht mehr brauchen, oder tatsächlich den Korb mit Äpfeln aus dem eigenen Garten vor die Tür stellen.
Ernte und Teilen gehören seit sehr langer Zeit zusammen. Wir dürfen uns daran wieder erinnern.
Ein Moment zwischen Licht und Dunkelheit
Und schließlich trägt die Herbst Tagundnachtgleiche noch ein starkes Bild in sich. Licht und Dunkelheit begegnen einander.
Astronomisch sind Tag und Nacht an diesem Datum aufgrund verschiedener Effekte nicht auf die Minute exakt gleich lang. Und trotzdem markiert das Äquinoktium jenen Wendepunkt, an dem wir uns von der helleren in die dunklere Hälfte des Jahres bewegen.
Auch das können wir nach innen nehmen. Denn unser Leben besteht ebenfalls nicht nur aus Licht. Es gibt Wachstum und Rückzug, Freude und Trauer, Anfang und Ende, Tun und Ruhen.
Wir müssen nicht immer versuchen, nur auf einer Seite davon zu leben. Die Natur tut es schließlich auch nicht. Sie blüht nicht das ganze Jahr und bringt nicht ununterbrochen Früchte hervor. Sie zieht sich zurück, lässt fallen und ruht. Und irgendwann beginnt sie wieder neu.
Jahreskreis bedeutet heute deshalb gar nicht, vermeintlich uralte Rituale möglichst genau nachzumachen. Es bedeutet, wieder wahrzunehmen, was die Natur uns gerade zeigt und zu schauen, was davon auch in uns geschieht.
Diese Zeit ist vor allem eine Einladung, einmal stehen zu bleiben. Zurückzuschauen, die eigene Ernte anzusehen, das anzunehmen, was nicht gewachsen ist, die eigenen Vorräte wahrzunehmen, zu teilen, wo Fülle entstanden ist, und von Herzen Danke zu sagen für all das, was längst da ist.
Und wie sieht deine persönliche Ernte aus?
Was ist in diesem Jahr in deinem Leben gewachsen? Was möchtest du mit in die dunklere Jahreszeit nehmen? Und wofür bist du gerade, in diesem Moment, von Herzen dankbar?
Wenn du magst, erzähl mir davon. Ich freue mich, wenn wir miteinander in den Austausch kommen.
Mit Liebe
deine Iris
