Die Macht des Widerstandes
Die Macht des Widerstands
Ich war vor Kurzem mit einer Person im Austausch, die meinen Blogartikel „Keiner will den Winter“ gelesen hatte. Sie erzählte mir, dass sie am Morgen mit etwas im Widerstand gewesen sei und mein Text etwas Positives bewegt habe.
Während wir uns darüber austauschten, bin ich an diesem einen Wort hängen geblieben. Widerstand. Wow! Was für ein kraftvolles Wort. Und was bedeutet es eigentlich? Dem wollte ich auf den Grund gehen.
Also habe ich mich hingesetzt, in mich hineingespürt und bin in einen inneren Dialog mit dem Widerstand gegangen. Ich wollte erforschen, was dieses Wort mit mir macht und was es für mich bedeutet.
Vielleicht gehst du mit meiner Idee davon ja in Resonanz. Viel Freude beim Mitforschen und Erkunden.
Da gibt es einen Widerstand, der dir sehr dienlich ist, wenn er aktiv wird. Einen Widerstand, der entsteht, wenn du ganz klar spürst, dass etwas für dich nicht in Ordnung ist, dass du etwas nicht willst, dass du wider-stehen möchtest. Dass du standhältst, dich etwas entgegenstellst und sagst: „Nein! Bis hierhin und nicht weiter!“
Dein Arbeitgeber will dir mehr Arbeit aufbürden, als für dich zumutbar ist, und in dir entsteht ein klares „NEIN!“
Oder eine gute Freundin oder ein guter Freund fragt dich zum x-ten Mal um Hilfe. Du warst schon so oft für diesen Menschen da, hast unterstützt, zugehört, geholfen. Aber wenn du selbst Hilfe gebraucht hast, hatte dieser Mensch nie Zeit. Und dieses Mal spürst du in dir ganz klar: „NEIN!“
Vielleicht liegst du auch nach einem langen Tag endlich im Bett. Dein Partner oder deine Partnerin hatte dir den ganzen Tag versprochen, dich bei der Hausarbeit zu unterstützen, hat es aber doch nicht gemacht. Du bist müde und frustriert und dann kommt die Frage, ob du noch etwas zu essen machen könntest. Und du spürst in dir ein ganz klares: „NEIN!“
Dieser Widerstand ist eine gesunde Form, gut auf dich zu achten. Auf deinen inneren Raum gut zu achten, Grenzen zu setzen, selbstermächtigt zu handeln und dich zu schützen. Du spürst ein klares, dir dienliches „Nein“ in dir und nutzt es.
Doch es gibt noch einen anderen Widerstand. Und genau um diesen Widerstand geht es mir. Mit ihm habe ich mich beschäftigt, ihn habe ich genauer erforscht und über ihn möchte ich hier schreiben.
Diesen Widerstand halte ich für alles andere als dienlich. Er zieht dich immer weiter hinunter wie in einer Abwärtsspirale und kann dich schlussendlich sogar in deiner Handlungsfreiheit lahmlegen, weil er so mächtig geworden ist.
Vielleicht gibt es eine Situation in deinem Leben, die du so nicht möchtest, die du scheiße findest. Etwas ist geschehen. Vielleicht hat dich eine Person verlassen. Jemand hat dir etwas Schlechtes getan, etwas Schlechtes zu dir oder über dich gesagt. Vielleicht ist etwas ganz anders gekommen, als du es erwartet und dir gewünscht hast.
Die Situation ist, wie sie ist, beziehungsweise sie war, wie sie war. Du kannst sie nicht (mehr) verändern. Trotzdem gibt es einen Teil in dir, der das nicht akzeptieren und annehmen kann/will. Dieser Teil ist innerlich in Aufruhr. Er stemmt sich gegen die Realität, bäumt sich dagegen auf und kann/will sie nicht hinnehmen.
Vielleicht wünschst du dir auch, glücklicher, fröhlicher, dankbarer und liebevoller mit dir und anderen zu sein. Du weißt genau, wie du dich fühlen und wer du sein möchtest. Doch du bekommst es einfach nicht hin. Stattdessen spürst du Frust, Wut oder Traurigkeit. Du glaubst, dass dir diese Gefühle nicht dabei helfen, das schöne Leben zu erschaffen, das du dir wünschst. Und genau deshalb möchtest du sie nicht haben. Du gehst in den Widerstand damit, dass du dich so fühlst, wie du dich fühlst.
Oder du schaust in den Spiegel. Vom Kopf her weißt du längst, wie wichtig Selbstliebe ist. Du möchtest der Person, die dir dort entgegenblickt, Liebe schenken. Du möchtest sie annehmen, genau so, wie sie ist. Doch du kannst es nicht. Es funktioniert einfach noch nicht. Und weil du weißt, wie wichtig es wäre, dass es dir gelingt, gehst du in den Widerstand damit, dass du es noch nicht kannst.
Wenn du diesen Widerstand in dir spürst, merkst du, dass da etwas in dir ist, das sich gegen das stellt, was du eigentlich möchtest. Sehr wahrscheinlich gefällt dir dieser Widerstand überhaupt nicht. Ganz und gar nicht. Du willst diesen Widerstand nicht. Du willst ihn unbedingt loswerden.
Und genau da werde ich stutzig und mir kommen Fragen. Woher kommt dieser Widerstand eigentlich? Wer oder was ist das, das sich da widersetzt? Ich bin es nicht. Ich kann es nicht sein, weil ich hätte ja gerne, dass es gelingt. Irgendetwas oder irgendwer in mir boykottiert das Ganze. Es muss also etwas anderes sein. Nur was?
Meine Antwort darauf ist. Es ist etwas Altes, eine alte Erfahrung, ein Erlebnis, das du gemacht hast und das zu einem Verhaltensmuster geführt hat. Oftmals war es nicht nur eine einzelne Erfahrung oder ein einzelnes Erlebnis. Meist gab es über einen längeren Zeitraum einen Zustand, der dazu geführt hat, dass sich dieses Verhaltensmuster in dir gebildet, gefestigt und etabliert hat. Dieses Muster wird immer dann aktiv, wenn dir in deinem heutigen Leben etwas begegnet, das Parallelen zu deiner ursprünglichen Erfahrung hat, und zeigt sich dann in Form von Widerstand.
Und dann passiert etwas Spannendes. Du bemerkst bewusst deinen Widerstand in Form einer Emotion, wie zum Beispiel Wut, Ablehnung, Frust oder Traurigkeit, und möchtest ihn natürlich auf gar keinen Fall haben. Also gehst du in den Widerstand mit deinem Widerstand. Dass du damit einen weiteren Widerstand erzeugst, merkst du bewusst gar nicht. Was du merkst, ist, dass dein Widerstand stärker geworden ist. Das willst du noch weniger haben und gehst also noch stärker in den Widerstand. Auch das bemerkst du nicht als neuen Widerstand. Du spürst nur, dass der Widerstand immer stärker wird. So baust du Widerstand gegen Widerstand auf und das Ganze potenziert sich immer weiter und weiter.
Eine riesige unbewusste Mauer des Widerstands wird errichtet, die sich durch sich selbst erschafft, hält und stabilisiert.
Mir kam dabei sofort das Bild eines Spiegelkabinetts. Du stehst vor einem Spiegel und siehst dich. Aber da ist noch ein Spiegel und noch einer und noch einer und noch so viele mehr. Dein Bild vervielfacht sich, bis du dich hundertfach, vielleicht sogar unendlich oft siehst.
Du wirst richtig sauer auf dich selbst. Sauer darauf, dass du es einfach nicht hinkriegst. Du bist wütend, fühlst dich unfähig und unzulänglich und hältst dich vielleicht sogar für doof oder bescheuert. Denn du weißt ja eigentlich ganz genau, was du willst. Und es gelingt dir verdammt nochmal nicht.
Damit bist du am Endpunkt des Widerstands angekommen. Im Widerstand gegen dich selbst.
Das ist der Ort, an dem der Widerstand so richtig persönlich wird. Jetzt richtet sich der Widerstand nicht mehr gegen das, was geschehen ist oder gegen sich selbst. Er richtet sich gegen dich. Dein persönlicher Endgegner des Widerstands.
Und das ist ein verdammt mieser Ort. Jetzt ist nicht mehr nur etwas in deinem Leben „falsch“. Jetzt fühlst du dich „falsch“. Zuerst kämpfst du gegen etwas und am Ende kämpfst du gegen dich selbst.
Während ich darüber nachdachte, bemerkte ich, wie sich in mir ein richtig schweres, erdrückendes und mieses Gefühl entwickelte. Ich fühlte mich hilflos, wie ein „Opfer“ und gar nicht mehr in meiner Kraft. Und das alleine dadurch, dass ich „nur“ darüber nachgedacht und mich mit dem Thema beschäftigt habe. Mir wurde so richtig bewusst, was Widerstand für eine große Macht und Kraft hat und was er auslöst.
Und das wollte ich auf gar keinen Fall.
Und deshalb war der nächste Schritt für mich essenziell und ultrawichtig. Ich stellte mir Fragen, die ich für elementar und entscheidend halte. Was ist die Antwort auf diesen Widerstand? Was ist der Gegenpol dazu? Wie kriege ich da die Kurve? Was wird eigentlich benötigt, damit ich diese Mauer des Widerstands Stück für Stück einreißen kann oder sie gar nicht erst entstehen muss?
Und dann kam mir die Antwort in Bildern.
Was wäre, wenn du diesen Widerstand einmal personifizieren würdest? Wenn du dir vorstellst, dass dieser Widerstand, dieses ganze „Nein“ in dir, deine innerer Jugendliche*r ist.
Dieser innere Jugendliche ist wie eine Mauer, eine Festungsmauer, durch die du nicht durchkommst. Du findest keine Tür.
Du willst, dass dieser Rebell aufhört. Du versuchst, ihn zur Ruhe zu bringen, ihn zu beruhigen. Er lässt sich aber nicht beruhigen. Dann willst du mit dem Kopf an ihn herankommen und mit ihm reden. Mit ihm lässt sich aber nicht reden. Und natürlich bewertest und verurteilst du ihn. „Sei nicht so bockig. Benimm dich mal wie ein Erwachsener. Kannst du dich nicht mal vernünftig verhalten?“
Dann wirst du aggressiver. Du fängst an, ihn zu beschimpfen, wirst persönlich und verletzend. „Bist du bescheuert? Was stimmt denn nicht mit dir? Du Idiot!“
Und zum Schluss beginnt der Versuch der Sanktion. Du willst ihn irgendwie bestrafen, ihm ein Verbot erteilen oder Stubenarrest geben, damit er klein beigibt und du Ruhe hast.
Du gehst in einen richtigen Kampf mit ihm und irgendwann hast du zu Hause keinen Frieden mehr. In deinem eigenen inneren Zuhause, mit deinem eigenen inneren Jugendlichen hast du unbewusst einen Kriegsschauplatz geschaffen.
Ich bemerkte, wie ich Mitgefühl für diesen inneren Jugendlichen entwickelte. Ich meine, er kann ja nichts dafür. Er ist mitten in der Pubertät und rebelliert einfach. So machen das Jugendliche halt. Und so ist das mit dem Widerstand. Der macht, was er macht. Und ich nehme es persönlich. Es hat mich berührt, dass so mit ihm umgegangen wird und er so abgelehnt wird.
Ich habe darüber nachgedacht, was ich gebraucht hätte, wenn ich als Jugendliche einen solchen Widerstand verspürt hätte. Ganz sicher niemanden, der „Ooooh“ und „Eieiei“ macht, mich streichelt, mir erzählt, dass alles gut ist, dass es gar nicht so schlimm sei und alles kleinredet und bagatellisiert, der mich ignoriert, mit mir jetzt mal Klartext reden will, mich bewertet, verurteilt, mich sanktioniert oder bestrafen will. All das wäre nicht gut, überhaupt nicht gut gewesen. Es hätte mich angestachelt, mich noch wütender, noch frustrierter gemacht und in mir eine richtige Kampfeslust erweckt.
Ich hätte jemanden gebraucht, der da ist. Einen Menschen, der da ist, einfach da ist. In seiner Präsenz. Einen Menschen, der nicht weggeht, wenn ich tobe, motze oder schreie. Der nicht weggeht, wenn ich Schimpfwörter benutze, gegen die Wand haue oder einen Schuh durch die Gegend werfe. Jemanden, der nicht versucht, mich zu dominieren. Der nicht versucht, mich schnellstmöglich wieder ruhig zu bekommen. Jemanden, der mich nicht ignoriert, bewertet oder verurteilt, sondern einen Menschen, der das halten kann. Der mich halten kann. Der mir den Raum lässt, mich so sein lässt, wie ich in diesem Moment bin und einfach nur da ist.
Und wenn ich dann irgendwann gespürt hätte, dass dieser Mensch wirklich da bleibt, dass er mich nicht verlässt, weil ich gerade so bin, wie ich bin, und keinen Druck ausübt, dann wäre irgendwann der Moment gekommen. Dieser Moment, in dem ich mich hätte fallen lassen können. Und ich glaube, meistens hätte das gar nicht besonders lange gedauert.
Dieser ganze Widerstand wäre irgendwann in sich zusammengefallen und ich hätte geweint. Ich wäre diesem Menschen in die Arme gefallen und hätte geweint und geweint. Bis ich fertig gewesen wäre. Nicht bis der andere findet, dass ich jetzt langsam fertig sein müsste. Nicht bis jemand entscheidet, dass ich jetzt genug geweint habe. Sondern bis ich fertig bin.
Und irgendwann hätte ich wahrscheinlich tief geseufzt. Ich wäre müde geworden und wäre mit diesem wohligen Gefühl, dass das alles raus ist, im Arm dieses Menschen eingeschlafen.
Und genau dieses Bild lässt mich seitdem nicht mehr los. Was wäre, wenn du genauso mit deinem inneren Widerstand gehst? Wenn du diesen Widerstand nicht klein, schön oder wegredest. Wenn du ihn nicht ignorierst. Wenn du dich nicht dafür innerlich verurteilst oder bestrafst. Wenn du nicht versuchst, mit deinem Verstand an ihn heranzukommen und dir die Frage zu stellen, warum du nur so bist und was mit dir nicht stimmt.
Und was wäre, wenn du nicht versuchen würdest, dafür zu sorgen, dass dieser Widerstand endlich aufhört? Wenn du all dies bleiben lässt, was zu noch mehr Widerstand, zu einer noch höheren Mauer, zu noch mehr Kampf und zu noch weniger Energie für dich führt?
Was wäre, wenn du einfach „da“ wärst? Und ihn einfach sein lässt, was er nun mal ist. Widerstand.
Nicht so lange, wie du findest, dass es jetzt aber langsam reichen müsste. Denn dieser innere Jugendliche, dieser Widerstand, ist ganz feinspürig. Er merkt genau, wenn du ungeduldig bist, wenn du möchtest, dass er endlich verschwindet. Dann wäre der Kampf noch nicht vorbei. Er braucht jetzt wirklich deine volle Präsenz. Er braucht, dass du den Raum für dich selbst hältst und ihn so lange sein lässt, wie er da ist und genau das braucht.
Und wenn du merkst, dass dir das nicht sofort gelingt, dann geh nicht wieder in den Widerstand damit. Nimm wahr, dass es dir noch nicht gelingt, und erkenne es an. Du bist auf deinem Weg. Und dieser Weg führt Stück für Stück aus dem Widerstand heraus. Erkenne dich dafür an, dass du diesen Weg gehst. In deinem Tempo. Fang nicht wieder an, dich dafür zu verurteilen und damit einen neuen Widerstand aufzubauen. Begegne dir selbst mit Achtung, Respekt und Würde. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Es wird Tage geben, an denen es dir besser gelingt, und Tage, an denen es nicht so gut ist. Und das darf sein. Stück für Stück in deinem Tempo, bis es vorbei ist und der Widerstand in seine volle Wandlung geht. Stück für Stück entsteht wieder Raum. Es entsteht wieder Weite. Und dort kann Frieden einziehen.
Mit Liebe
deine Iris ❤️
